Als meine Mutter im Frühsommer 1963 bemerkte, dass sie mit mir schwanger ist, war ihr Entsetzen groß. Sie hatte eine Affäre mit dem Mann ihrer Cousine, aus der ich entstanden bin. Ich war unterwegs und es wurde geplant, mich irgendwie wieder loszuwerden. Die Abtreibungsversuche haben nicht geklappt. Meine Mutter hatte es selber nicht geschafft, die Ärzte wollten es nicht machen, für Holland war es zu spät, erzählte mir meine Mutter viele Jahre später.
So kam ich 1964 in Hamburg Harburg zur Welt. Es wurde ein Kaiserschnitt gemacht. Einige Tage nachdem ich zur Welt kam, hatten sich die Operationsnähte so entzündet, dass meine Mutter schwer krank wurde und ich erst 6 Wochen nach meiner Geburt zu ihr gebracht werden konnte.
Der Mann meiner Mutter hatte mich und das Fremdgehen seiner Frau akzeptiert.
Meinen leiblichen Vater kannte ich gut, es war der Mann, den ich in meiner Kindheit Onkel Paul nannte. Onkel Paul und Tante Trude hatten ein Hotel und eine Gastwirtschaft in Lübeck, in der meine Mutter jedes zweite Wochenende arbeitete.
Ich freute mich sehr, wenn meine Mutter mich in der Ferienzeit und manchmal auch am Wochenende nach Lübeck mitnahm. Das große Grundstück mit den Ställen, Schuppen und Garagen lud zu abenteuerlichen Spielen ein. Onkel Paul hatte ein Pferd, das in einem großen Reitstall stand. Ich guckte Onkel Paul gern bei dem Reiten zu und freute mich, wenn ich auch einige Runden drehen durfte. Ich liebte es, mit ihm in seinem schönen Mercedes zum Einkaufen in die für mich riesige Metro zu fahren. Er nahm mich häufig mit, wenn er etwas zu erledigen hatte. Im Herbst fing die Karpfenzeit an. Ich saß oft auf dem Wannenrand und streichelte die Karpfen, die bald im Kochtopf landen sollten, mir taten sie leid. Dennoch sah ich gebannt zu, wenn Onkel Paul die Karpfen schlachtete und ausnahm.
Meine Mutter sagte oft, dass sie Onkel Paul nicht so gern mag, da er viele Frauengeschichten hätte. Als meine Mutter mir erzählte, dass er mein leiblicher Vater war, war er leider schon durch einen Herzinfarkt verstorben. Ich war zu dem Zeitpunkt 37 Jahre alt.
Mein Ziehvater war selbstständiger Handelsvertreter und meistens nur am Wochenende zu Hause. Er nahm es mit der Buchführung nicht so genau. Es kam häufig zu Schwierigkeiten mit dem Finanzamt. Er musste oft Steuern nachzahlen. Meine Mutter war darüber sehr wütend. Später erzählte sie mir, dass sie am liebsten abgehauen wäre, aber das ging nicht, weil sie uns nicht im Stich lassen konnte. Sie hatte oft schlechte Laune, war jähzornig und unberechenbar.
Sie schlug mich mit dem Kochlöffel, gab mir heftige Ohrfeigen und sperrte mich im Zimmer ein. Ich hatte das Gefühl, die Gedanken meiner Mutter lesen zu müssen, um alles richtig zu machen. Ich fühlte mich oft bedrückt und hatte Angst. Ich kann mich aber auch daran erinnern, wie wir gemeinsam sangen, Karten spielten und wie sie mich ins Bett brachte. Über dem Bett hing ein Bild mit einem Schutzengel, der an einem Ufer stand und seine Hände über einen, am Wasser hockenden kleinen Jungen hielt. Sie sagte zu mir, ich bräuchte keine Angst zu haben. Ich hätte auch einen Engel, der immer bei mir sei und mich beschützen würde. Das fand ich beruhigend.
Ich freute mich auf die Wochenenden, an denen sie nach Lübeck fuhr und ich allein mit meinem Ziehvater war. Ich brauchte dann keine Angst haben, Schläge zu bekommen.
Mein Ziehvater versuchte mir fast jeden Wunsch zu erfüllen. Ich konnte Fernsehen, so viel ich wollte, er gab mir Geld, um Süßigkeiten und Pommes zu kaufen. Wir machten Ausflüge, zu denen er auch meine Freundinnen einlud. Meine Mutter durfte davon nichts wissen, sie hätte sich darüber geärgert, weil wir Geld ausgaben.
Das alles hatte seinen Preis. Mein Vater und ich hatten ein Geheimnis. An den Wochenenden an denen meine Mutter in Lübeck arbeitete, schlief ich im Doppelbett meiner Eltern. Aus den normalen Kuscheln wurden sexuelle Übergriffe. Es gehörte dazu, war normal. Das machen Väter mit ihren Töchtern. Ich konnte es nicht verstehen. Es fühlte sich falsch an, war verwirrend. Er sagte, wenn ich es jemanden erzählen würde, wäre es ganz schlimm. Dann kommen böse Männer und holen mich aus der Familie raus und alles wäre kaputt. Am schlimmsten waren die Gefühle von totaler Einsamkeit, mein Vater schlief neben mir ein und ich lag wach und verwirrt neben ihm. Der Gedanke, dass böse Männer mich einfach abholen könnten, fand ich furchtbar.
1970 kam ich nach der Grundschule auf die Realschule. Ich war ziemlich schlecht. Ich kam mit meinem Klassenlehrer überhaupt nicht zurecht. Ich lehnte mich gegen ihn auf und setzte mich für andere Schüler ein. Dadurch bekam ich Anerkennung von den Mitschülern. Anerkennung bekam ich auch, wenn ich Süßigkeiten, Alkohol und Kleidung klaute. Meine Zensuren wurden immer schlechter.
Eines Tages lud mich eine Schulfreundin zu einer christlichen Gemeinde ein. Ich fühlte mich dort direkt wohl, ich musste nicht um Anerkennung kämpfen, es wurde dort einfach gut miteinander umgegangen. Ich fand den Gedanken, dass es einen Gott gibt, zu dem wir beten können und einen Jesus, der uns liebhat, sehr schön und beruhigend. Ich weiß noch, wie zufrieden und glücklich ich oft war, wenn ich nach der Gruppenstunde wieder mit dem Fahrrad nachhause fuhr. Es fühlte sich an, als ob ich in der Gruppe aufgetankt hätte. Ich hörte auf zu klauen und war ausgeglichener. Die Schwierigkeiten in der Schule blieben. Ich widerholte die Klasse. Der neue Lehrer war streng aber gerecht. Das tat mir sehr gut. Er hatte eine klare Linie und ich konnte mit ihm reden und diskutieren. Meine Noten besserten sich, das Lernen fing an, mir richtig Spaß zu machen. Ich fühlte mich wertgeschätzt und wahrgenommen.
Bald ging auch mein größter Wunsch in Erfüllung. Mein großer Bruder, der schon arbeitete, lieh mir Geld, um ein Pferd zu kaufen. Meine Eltern waren trotz ständigen Geldmangels einverstanden. Ich trug Zeitungen aus. Das reichte damals, um die Haltungskosten für das Pferd zu decken.
Allerdings litt ich weiterhin sehr unter der Unberechenbarkeit meiner Mutter. Sie schlug mich noch als ich 18 war, ich hatte Angst mich zu wehren. Manchmal stand sie vor mir und schrie mich an, dass ich sie doch zurückschlagen solle. Das konnte ich nicht.
1983, da war ich 19, verkauften meine Eltern ihr Haus in Hamburg und zogen nach Bergisch Gladbach. Einerseits fühlte ich mich befreit, andererseits vermisste ich am Wochenende das gemeinsame Essen und das Zusammensein mit der Familie. Während meiner restlichen Schul- und Studienzeit wohnte ich mit meinem Bruder und anderen jungen Leuten in einer Wohngemeinschaft. Obwohl nach außen alles ganz gut aussah, fühlte ich mich meistens unwohl und verängstigt, vor allem in der Uni. Ich unterhielt mich ungern mit anderen Studenten. Ich war überzeugt davon, wenn die mich richtig kennenlernen würden, merken sie, wie dumm ich eigentlich bin und dann werde ich abgelehnt. Deswegen sagte ich eher wenig und schloss mich keinen Lerngruppen an. Ich war froh, dass ich mein Pferd hatte. Durch die Stallarbeit, das Reiten und Gemeinschaft mit guten Freundinnen kam ich zur Ruhe und lenkte mich von meinen Problemen ab.
In den Semesterferien fuhr ich regelmäßig mit einer Freundin nach Spanien und arbeitete dort auf einem Reiterhof. Wir schliefen erst im Heu, dann später in einem kleinen Raum, der zu dem Pferdestall gehörte. Wir tranken schon zum Frühstück Kaffee mit Conac. Ich trank gern Alkohol. Wenn ich was getrunken hatte, wurden meine Ängste weniger. Später, als meine Freundin nicht mehr mitkam, schlief ich in preiswerten Hotels oder bei Freunden, die eine Ferienwohnung hatten.
Eines Tages suchte ich mal wieder eine Unterkunft. Andres, der auch ab und zu im Reitstall arbeitete, bot mir ein Zimmer in seiner Wohnung an. Ich zog bei ihm ein. Wir verstanden uns gut. Er war selten zu Hause. Eines Nachts hörte ich die Haustür. Andres kam nach Hause, und ging in mein Zimmer, das machte er sonst nie. Er roch nach Alkohol und er hatte einen ganz fiesen Blick, so kannte ich ihn nicht. Es war schnell klar, dass er nur ein Ziel hatte und das wollte er auch unter allen Umständen erreichen. Ich schrie um Hilfe in Panik, das Fenster war auf, es muss mich doch jemand hören, er würgte mich, knallte mehrmals meinen Kopf gegen die Wand. Er war total durchgeknallt. Früher dachte ich immer, dass ich mich wehren könnte, indem ich mich wegdrehe, trete, abhaue. Auf einmal ging es nur noch darum, das alles irgendwie zu überleben. Das Erlebnis brannte sich in mein Gehirn ein. Er erzählte im Reitstall, dass ich erst nichts von ihm wollte und dann aber doch mitmachte. Ich fühlte mich nach diesem Erlebnis sehr gedemütigt, vor allem weil er es weitererzählte und wie er es weitererzählte.
Wieder zuhause angekommen, verdrängte ich das Erlebnis und machte das Studium weiter. Oft fühlte ich mich familienlos, leer, ohne inneren Halt. Was war los mit mir? Eigentlich ging es mir doch gut, ich hatte Freunde, mein Pferd und einen guten Nebenjob im Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg. Meine innere Leere kam und ging, vermischt mit einem Gefühl der Sinnfrage. Was soll das alles hier, warum lebe ich?
Eines Tages sah ich in der Uni am schwarzen Brett den Hinweis auf einen neuen Kurs: „Esoterische Psychologie!“, das klang interessant. Finde ich da Menschen, die so ähnlich denken wie ich und auch Fragen an das Leben haben, wird meine Leere da gefüllt? Zwölf kostenlose Abende konnte man besuchen, um sich über esoterische Themenbereiche zu informieren. Schon der erste Abend war beeindruckend, der Raum war voll mit interessanten jungen Menschen, die sich auf einer Suche befanden. Ich fühlte mich wohl. Ich besuchte unterschiedliche Seminare und ging regelmäßig zu einem Meditationskurs. Das Einbeziehen der unsichtbaren Welt in Form von Astrologie, Chakren, Aura, Pendeln, Tarotkarten und Kontakt zu Geistwesen waren normal. Wir fühlten uns als was Besonderes, da wir meinten zu erkennen, was wirklich wichtig sei.
Meine Schwermut und Lebensangst wurden weniger. Ich wurde euphorisch, alles hatte einen Sinn, alles ist logisch, alles hat eine Bedeutung. Vieles erschloss sich mir in ganz neuen Zusammenhängen. Ich merkte nicht, wie ich langsam abdriftete. Jedes Ereignis sagte mir etwas. „Der Tagesschausprecher spricht zu mir persönlich!“ dachte ich. „Er hat eine Botschaft für mich. Das macht mir Angst, das geht doch gar nicht. Aber in dieser Dimension scheint es wohl doch zu gehen. Alles ist o.k., alles ist gut“. Langsam rutschte ich immer mehr in psychotische Zustände. Der innere Druck wurde größer, von einer Stunde zur nächsten. Ich fand keinen Schlaf mehr, die Gedanken überrannten mich. „Die Welt geht unter, die Auserwählten werden abgeholt. Meine Esoterikfreunde, wo sind sie? Ich muss Ihnen erzählen, dass etwas ganz Großes passiert. Die Endzeit ist jetzt“. Ich ging zu meinen Freunden, erzählte Ihnen von dem Nachrichtensprecher und von dem Großen, das jetzt passiert. Sie verstanden mich nicht.
Eine Freundin brachte mich zu einem Krankenhaus. Ich wollte nicht reingehen. Das Krankenhauspersonal kam nach draußen. Meine Gedanken überschlugen sich: „Ich geh da nicht rein. Das ist zu gefährlich. Ich weiß nicht, wer die Guten sind und wer böse ist. Der Teufel kommt oft als Wolf im Schafspelz. Ich muss aufpassen. Vielleicht kommen die Guten mit Ufos aus einer anderen Welt und holen mich jetzt, die Erlösung ist nahe. Aber auch die Bösen wollen mich holen und mich ins Nichts bringen, in das spürbare dunkle Nichts. Das Krankenhauspersonal -, die tun nur nett“. Sie sagten, ich sei seelisch krank. „Ich muss weg, abhauen, die können mich nicht betrügen. Ich falle nicht auf den Teufel rein.“ Ich riss mich los und lief weg. Ich irrte in der Stadt umher, fuhr mit der U-Bahn, hörte wie Menschen sich in einer seltsamen Sprache unterhielten, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Euphorie und Panik wechselten sich ab. „Jesus ist für dich gestorben, nun musst du für ihn sterben.“, hörte ich eine innere Stimme sagen als ich am Bahngleis stand. „Spring vor den Zug. Selbstmord ist das Geheimnis der Erlösung.“ Ich betete. Ganz weit weg war eine liebevolle Stimme, ein Licht. Ein Bild von zwei spielenden Kindern. Irgendwann, ich weiß nicht wie, befand ich mich auf dem Gelände einer Psychiatrie in Hamburg. Eine sehr freundliche Ärztin kam auf mich zu und sprach mit mir. Ich fühlte mich sicher. „Das sind die Guten, endlich bin ich angekommen.“ Ich ging mit ihr in das Krankenhausgebäude.
Im Behandlungszimmer kam mir eine junge Krankenschwester mit schwarzgefärbten Haaren und Piercings auf mich zu. Ihr Aussehen machte mir Angst. „Sie ist dämonisch. Sie haben mich betrogen, es sind doch die Bösen. Ich bin auf sie reingefallen. Ich muss hier weg.“ Ich wollte wegrennen, sie hielten mich fest. Krankenpfleger kamen angerannt. Ich wehrte mich, schlug um mich, bekam Panik. Die schwarzen Männer aus meiner Kindheit hatten es geschafft. Sie holten mich ab. Ich schrie so laut ich konnte. Sie schafften es, mir eine Spritze zu geben.
Am nächsten Tag wachte ich angeschnallt in einem Bett auf. „Was ist passiert. Wo bin ich?“ Ich konnte mich an den vorherigen Abend erinnern. Mir war bewusst, dass ich total abgedreht war. Ich war geschockt und konnte es nicht fassen, dass ich in einer Psychiatrie gelandet bin. Die Panik war weg, eine Leere war da. Was ist mit mir passiert? Erst vor kurzem wurde mir gesagt, dass ich nach meinem Studium gute Chancen hätte, im Weltwirtschaftsinstitut übernommen zu werden. „So fleißige Mitarbeiter wie Sie, können wir gut gebrauchen.“, wurde mir von einem Projektleiter gesagt. Meine Welt war doch eigentlich in Ordnung. Ich sprach mit dem Arzt. Er wunderte sich sehr, dass es mir schon wieder so gut ging. Ich wollte sofort aus dem Krankenhaus raus. Einige Zeit später wurde ich auf eigenem Wunsch entlassen. Die Diagnose war „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“. Mein Studium setzte ich fort und kümmerte mich um meine Indienreise, die ich im Sommer antreten wollte. Ich konnte das schlechte Erlebnis verdrängen.
In den Semesterferien 1990 flog ich für drei Monate nach Indien. Nachdem ich 8 Wochen mit einer Gruppe Studenten in Madras und Umgebung Entwicklungsprojekte besucht hatte, fuhr ich noch drei Wochen allein durch Südindien. Ich besuchte unterschiedliche Ashrams. Ein Ashram ist ein klosterähnliches Meditationszentrum, in dem man auch wohnen kann. Ich mochte die ruhige Atmosphäre, das gemeinsame Essen und den Austausch mit gläubigen Menschen aus unterschiedlichen Ländern.
Wieder in Deutschland angekommen, suchte ich nach einer christlichen Gemeinschaft, in der ich mich wohl fühle und die mir Halt geben sollte. In einer Zeitschrift mit spirituellen Inhalten stieß ich auf die Annonce der Lorbeergemeinschaft: „Suchen Sie eine tiefe christliche Gotteserfahrung?“ war in der Anzeige zu lesen. „Ja“, dachte ich, rief an und wurde zu einem Gespräch nach Poppenbüttel eingeladen. Uwe und seine Frau empfingen mich in ihrer Wohnung in einem sehr schönen Wohnviertel in der Nähe der Alster. Sie waren ein älteres Ehepaar, das sich berufen fühlte, eine christliche Schule zu gründen. Sie waren Anhänger des neuzeitlichen Propheten Lorbeer. Dieser hatte durch den Heiligen Geist Schriften diktiert bekommen, die Neuoffenbarungen der Endzeit waren. Es gab Kaffee und Kuchen. Es war richtig nett. Ich besuchte Bibelstunden, Gottesdienste und andere gemeinschaftliche Treffen. Wir kochten, gingen spazieren und hatten viel Spaß und gute Gespräche. Uns wurde gesagt, dass wir eine besondere Gruppe seien, berufen auf Gottes hoher Schule. Andere Christen, z.B. aus Landeskirchen wurden als „noch nicht so weit“ empfunden. Nur besondere Leute kamen in diese besondere Gruppe. Ich fühlte mich zum einen dort wohl, ich gehörte dazu, wie in einer Familie, andererseits fand ich die Einstellung anmaßend, überheblich und verurteilend. Es passte nicht zu meiner Vorstellung von Nächstenliebe. Uwe meinte, er bekäme von Gott gesagt, was wir machen sollten. Ein junger Student hatte durch Uwe erkannt, dass er sein Medizinstudium aufgeben solle, eine Frau gab ihr zweijähriges uneheliches Kind weg. Das musste sein, um Gott richtig dienen zu können. Ich wurde skeptischer. Mir wurde nahegelegt, mein geliebtes Pferd wegzugeben und kein Geld mehr in indische Projekte zu stecken. Meine Freunde außerhalb der Gruppe fingen an sich Sorgen zu machen, da sie merkten wie viel Raum die Lorbergemeinschaft in meinem Leben bekam. Sie hatten den Eindruck, ich sei in eine Sekte geraten.
Gleichzeitig hatte ich eine schwierige Zeit im Studium, das Abschlussexamen stand vor der Tür. Ich musste sehr viel lernen. Mein Bruder hatte seine zukünftige Frau kennen gelernt. Ich sollte aus unserer gemeinsamen Wohnung ausziehen und mir eine neue Bleibe suchen. Es klappte nicht so, wie ich wollte, ich fand keine Wohnung in meinem Heimatort Neugraben-Fischbeck. Ich bekam immer mehr Ängste. Wo sollte ich hin, wie schaffe ich unter diesen Umständen das Examen, was mache ich mit meinem Pferd? Die Lorberleute gaben mir Halt, beteten und sprachen mit mir über den Sinn des gerade Geschehenen. Das tat mir gut und gab mir immer wieder ein bisschen Hoffnung. Eine Bekannte bot mir eine Art Dachkammer in ihrem Haus am anderen Ende von Hamburg an. Ich fühlte mich dort fremd, allein und heimatlos. Mein Zuhause, meine alten Freunde, mein Pferd und alles was dazu gehörte, die Weide, der Stall, mein Garten – alles war auf einmal weg. Ich schaffte es nicht mehr, mich auf das Studium zu konzentrieren. Ich fiel in psychotische Zustände kam ins Krankenhaus, bekam Medikamente und ließ mich wieder entlassen. Zweifel begleiteten mich täglich, was ist richtig, was ist falsch. War es Gott, der mich zu den Lorberleuten zog oder die Sehnsucht nach Familie und Gemeinschaft? Ich ging weiterhin zu den Gruppentreffen.
Es gab auch Taufgottesdienste für Erwachsene, die ein ganz besonderer Segen seien, meinte Uwe. Ich solle daran teilnehmen. Getauft wurde in der Badewanne. Es war ein schönes Badezimmer, blauer Teppich, gut riechend, warm und gemütlich. Ich war durcheinander. Ich merkte, wie all die Eindrücke der Esoterik, der angebliche Auserwähltenkreis der Lorberanhänger, das Examen und der Wohnungsverlust meine Gedanken verwirrten. Alles kreiste im Kopf, mein inneres Ablagesystem war überfordert. „Taufe – ist das richtig oder falsch? Ist das hier eine Sekte? Wo bin ich? Nein, ich will mich hier nicht taufen lassen.“ Sie hielten mich fest, ich bekam Panik und schrie. Sie dachten, ich sei vom Teufel besessen und plötzlich lag ich in der Wanne. Sie hielten meinen Kopf unter Wasser, ich wehrte mich, wollte aus der Wanne raus, Panik überfiel mich. Ich bekam keine Luft mehr, wurde bewusstlos. Als ich wieder aufwachte, lag ich auf einem blauen Teppich. Jemand sagte „die lebt noch“, dann war wieder Dunkelheit. Am nächsten Tag brachten sie mich ich in die Psychiatrie. (Ungefähr ein halbes Jahr später erzählte mir eine Freundin, dass in der Zeitung stände, dass innerhalb dieser Lorbergemeinschaft jemand ermordet wurde.)
Diesmal war ich sechs Wochen in der Psychiatrie. Ich schaffte es nach mehreren Anläufen nach Bergisch Gladbach zu meinen Eltern zu fahren. Ich zog bei ihnen ein. Mein Ziehvater starb bald darauf. Nach einigen Monaten wollte ich einen Neustart in Hamburg machen und weiterstudieren. Ich wohnte bei einem Bekannten zur Untermiete. Die Kraft verlies mich schnell wieder, ich war verzweifelt. Sterben und dann wieder neu anfangen, ich war überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. So wie es jetzt war, konnte ich es nicht mehr aushalten. Das war kein Leben. Ich nahm sämtliche Tabletten die ich noch hatte, Schlaftabletten, Neuroleptika usw. Meine Muskeln funktionierten immer weniger, ich konnte meine Beine kaum noch bewegen, es war als würde nach und nach eine Lähmung eintreten. Mein Geist fühlte sich wach an. Der Gedanke, dass jetzt nach und nach mein Körper sein Leben beendet, tat mir gut. Das Telefon klingelte, ich robbte mich hin und nahm ab. Meine Freundin merkte schnell, was passiert war und rief den Notarzt. Ich wurde ins Krankenhaus gebracht, der Magen wurde ausgepumpt. Einige Tage später kam meine Mutter und holte mich ab. Wir fuhren nach Bergisch Gladbach.
Wieder in Bergisch Gladbach angekommen, lernte ich das SPZ (Sozialpsychiatrische Zentrum) kennen. Endlich hatte ich Menschen mit denen ich über meine psychischen Probleme reden konnte. Wir kochten, malten und machten Ausflüge. Ich meldete mich für eine Umschulung zur Industriekauffrau an. Ich schloss mich wieder einer christlichen Gemeinde an, in der ich meinen Ehemann kennenlernte. Er hatte auch eine schräge Vergangenheit, kannte das Gefühl der Haltlosigkeit und außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Das Leben begann für mich wieder Gestalt anzunehmen. Mit Wolfgang und meiner Umschulung zur Industriekauffrau kamen wieder Perspektiven und Erfolgserlebnisse in mein Leben. Ich schrieb gute Zensuren und lernte nette Menschen kennen.
Die Zwischenprüfung in der Wirtschaftsschule bestand ich mit sehr guten Noten. Ich fühlte mich in der netten Atmosphäre der Schule angenommen und sicher. Ich kannte die Lehrer und mochte sie. Das half mir, mich zu konzentrieren. Die Prüfer bei der IHK empfand ich als bedrohlich. Vor mir saßen nur „Feinde“.“ Sie entscheiden über mein Leben, sie können mich fallen lassen und dann ist alles vorbei.“ Ich fühlte mich in der Prüfung wie in einem Schockzustand, erstarrt. Irgendwo schien doch noch ein Kanal offen zu sein, aus dem das raus kam, was ich sagte. Die Abschlussprüfung vor der IHK bestand ich gerade eben.
Nun war ich Industriekauffrau und suchte einen Arbeitsplatz. Ich bewarb mich und wurde in der Verwaltung eines katholischen Seniorenheimes eingestellt. Ich war für die Abrechnungen der Heimbewohner zuständig. Es war eine zermürbende und frustrierende Arbeit für mich. Zudem schien meine Vorgesetzte nicht von mir begeistert zu sein. Ich empfand sie als kühl und distanziert. Ich fühlte mich abgelehnt. Ich kam immer sehr pünktlich, das klappte. Ich versuchte die Routinesachen gut zu machen, wie eine Maschine, mechanische Tätigkeiten. Telefonieren fiel mir schwer, ich fühlte mich wie gelähmt, erstarrt in einer eigentlich alltäglichen Situation. Die Infos am Telefon erreichten mich kaum. Ich hörte Worte und verstand den Sinn nicht. Nach sechs Wochen war die Situation so schlimm, dass ich krank wurde. Bald darauf kam die Kündigung. Ich hatte versagt, meine Selbstbild war wieder im Keller, ich bin nun mal psychisch krank und nicht fähig einen normalen Job zu machen. Ich wurde depressiv und musste in die Psychiatrie.
Nachdem ich mich erholt hatte, kam ich wieder nach Hause und besuchte weiterhin das SPZ. Nach einiger Zeit wurde ich schwanger. Das Leben hatte wieder einen Sinn. Wolfgang und ich heirateten, wir bezogen eine schöne große Wohnung, meine Kinder Niko und Nadja kamen zur Welt. Die Zeit der Krankenhausaufenthalte und unkontrollierten Psychosen schienen Vergangenheit zu sein. Auf der anderen Seite wurde unsere Ehe durch Arbeitslosigkeit und Geldmangel und damit verbundenen Meinungsverschiedenheiten, immer wieder neu erschüttert. Wolfgang verbrachte viel Zeit vor dem Computer und mit seiner Musik. Ich fühlte mich oft allein gelassen mit den Problemen und der Arbeit, die eine Familie mit sich bringen kann. Depressionen und Schlafstörungen begleiteten mich. Ich hatte das Gefühl, mich am Abgrund zu bewegen. Ich lebte in der Angst, dass die Schizophrenie wiederkehrt und ich nicht mehr fähig sein werde ein normales Leben zu führen.
Im Jahr 2002 zog Wolfgang aus, die Kinder waren 6 und 4 Jahre alt. Allein kam ich besser zurecht. Ich konnte meine Zeit und mein Geld so einteilen, wie ich es für richtig hielt. Ich machte eine Seelsorgeausbildung und lernte mich mit meinen Schwierigkeiten und psychischen Problemen immer mehr zu akzeptieren. Mir wurde dort zum ersten Mal bewusst, dass meine Krankheit Ursachen hat, und ich nicht schuld bin, dass so viel schiefgelaufen ist.
Nachdem ich etwa ein Jahr von Wolfgang getrennt war, ging ich eine neue Beziehung ein. Manfred war alleinerziehender Vater mit vier Kindern. Ich war froh, einen gläubigen verantwortungsvollen Partner zu haben. Je mehr wir uns kennen lernten, desto schwieriger wurde es. Meistens stritten wir uns wegen der Kinder. Nach ca. drei Jahren war diese, für mich erst so hoffnungsvolle Zeit, wieder zu Ende. Die Sehnsucht nach einer vollständigen, gut funktionierenden Familie ging nicht in Erfüllung. Das Aus der Beziehung brachte mich in die nächste heftige Krise. Ich fiel wieder in psychotische Zustände und musste Medikamente nehmen.
In dieser Zeit gab mir meine Freundin Ute, die eine psychotherapeutische Ausbildung hat, großen Halt. Mit ihr konnte ich über meine Ängste, Wut und Trauer besser sprechen, als mit allen früheren Therapeuten. Sie hörte zu, wertete nicht und nahm mich ernst. Es war das erste Mal, dass ich mich traute jemanden so ausführlich meine früheren, teils traumatischen Erlebnisse zu erzählen. Sie nahm sich Zeit für mich, ich fühlte mich bei ihr sicher und geborgen. Durch die Gespräche mit Ute konnte ich endlich vieles aus der Vergangenheit aufarbeiten. Die sexuellen Übergriffe meines Vaters, das Verschweigen meiner tatsächlichen Herkunft, die Zeit in der Sekte, die ungesunden Gemeindestrukturen. Ich verstand immer mehr, dass meine Wahnvorstellungen, Psychosen und Depressionen eine Ursache hatten und nicht einfach so kamen.
Ute und ihr Mann Ludger hatten eine Arbeitsvermittlungsfirma ins Leben gerufen. Sie stellten mich ein. So schaffte ich den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Ich merkte, dass ich doch noch was leisten kann und traute mir wieder mehr zu. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, auch in der Arbeitswelt von Menschen umgeben zu sein, die es gut mit mir meinen. Nach zwei Jahren fiel der Zuschuss, den Firmen erhalten konnten, wenn sie „schwervermittelbare Arbeitsuchende“ einstellten, weg. Ich verließ unsere kleine, für mich sehr hilfreiche und prägende Firma und bewarb mich als Schulbegleiterin in einer Förderschule für geistige und körperliche Entwicklung. Träger war die Diakonie Michaelshoven. Ich war 9 Jahre in der Diakonie angestellt, erst als pädagogische Ergänzungskraft in unterschiedlichen Schulen, dann in einer Wohngruppe für Kinder- und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung.
Mein Wunsch mit seelisch verletzten Menschen zu arbeiten, brachte mich dazu, die Ausbildung zur Ex-In-Genesungsbegleiterin zu machen. EX-IN steht für „experienced involvement“ und bedeutet, dass psychiatrieerfahrene Menschen in der psychiatrischen Gesundheitsversorgung als bezahlte Arbeitskräfte einbezogen werden. Das Erfahrungswissen im Umgang mit tiefgreifenden Krisen und die Erfahrung einen Genesungsweg gegangen zu sein, werden durch die Ausbildung reflektiert und sprachbar gemacht. Die Ex-In-Ausbildung hat meine Selbstwahrnehmung und meine Haltung zu psychischen Erkrankungen verändert. Meine Lebensgeschichte fühlt sich rund an. Es scheint jetzt eine Zeit zu kommen, in der das Bewusstsein und das Interesse für psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit wächst und die Stigmatisierungen hoffentlich abnehmen.
Nachdem ich meine Ausbildung beendet hatte, bekam ich eine Anstellung in dem Verein „Die Kette e.V.“ in Bergisch Gladbach. Ich arbeitete erst in einer Wohngruppe mit psychisch belasteten Menschen und bin jetzt als Genesungsbegleiterin in der Kontakt- und Beratungsstelle des Sozialpsychiatrischen Zentrums angestellt.
Leider falle ich immer noch in lähmende Zustände, in denen ich mich plötzlich verwirrt fühle und mich nicht mehr konzentrieren kann. Zum Auftanken gehe ich oft spazieren, treffe mich mit vertrauten Menschen zum Wandern, Spielen und Erzählen. Mein christlicher Glaube gibt mir immer wieder Halt und Zuversicht.
Ich freue mich, wenn Sie Interesse am Austausch von Lebens- und Glaubensgeschichten haben. Besuchen Sie gern unsere Gruppe „Gott und die Welt“. (b.goldner@die-kette.de)
Britta Goldner, März 2025